Ein Merciat 850

Automobile Kuriositäten

Mein ganzes Geld verdiente ich Anfang der acht-ziger Jahre auf einer Tankstelle in Sörup, Kreis Schleswig-Flensburg.

So viel war es nun auch wieder nicht, schließlich konnte ich mir keinen echten Mercedes leisten. Nicht mal einen vernünftigen Mittelklasse-Wagen.

Es reichte aber, um meine Familie zu ernähren und zudem noch für einen kleinen Fiat 850. Ich hatte auch mal einen Fiat 850 Sport, aber der ist kaputt gegangen, als ich versehentlich versuchte mit dem Wägelchen einem Traktor die Vorder-achse auf unfachmännische Art und Weise aus-zubauen.

Der kleine 850er war ein sparsames Mobil. Viel Platz war nicht zwischen seinen Blechwänden und das 34-PS-Motörchen im Heck riss auch keine zwei toten Hennen vom Teller.

Aber das schlimmste war, dass er so langweilig aussah. Wenn man vorn aus dem Fenster sah, war da nicht viel von wegen Haube. Zum Glück fand ich noch irgendwo wieder mal einen Mercedes-Kühler-grill. Da musste sich doch was mit anfangen lassen. Das Stück Blech, welches den riesigen 80 Liter Kofferraum gegen Regen und neugierige Blicke schützte, wurde allerdings nach vorn aufgeklappt. Dieser tragische Umstand machte die Konstruktion eines funktionstüchtigen Kofferraumdeckels nicht grad einfach.

Große bauliche Veränderungen wollte ich an dem mit Sitzen und Rädern ausgerüsteten Schuhkarton auch nicht vornehmen.

Der vorderen Stoßstange teilte ich andere Aufgaben zu. Sie sollte künftig in einer Ecke irgend eines Schuppens Sauerstoff vornehmlich dazu benutzen um ihr eigenes Material in Rost zu verwandeln. Sie hatte viel Erfolg damit.

Als Ersatz dienten zwei von meinem Vater angeschleppte nagelneue und verchromte Stoßstangen-ecken, deren ursprünglich zugedachte Verwendung mir bis heute nicht bekannt ist. Sie waren beide zusammen wahrscheinlich etwa so schwer wie der Rest des Fahrzeugs. Die Fahrleistungen wurden durch ihre Anbringung jedenfalls nicht merklich gesteigert.

Weil sich der artfremde Kühlergrill nicht auf Anhieb harmonisch in das übrige Design des kleinen Italieners einfügte, musste ich ein wenig Blech zur Hand nehmen und es entsprechend verformen, auf die Haube nieten und verspachteln. Damit der Kofferraum seinem Namen wenn auch nicht alle Ehre, sondern nur ein wenig davon, machen konnte, wurde die Frontverzierung mit Stern an zwei eigens zu diesem Zweck konstruierte Haken vorn an die Abdeckung gehängt. Wenn man nun also einen Hand-schuh oder einen Schnürsenkel im sogenannten Gepäckabteil verstauen wollte, musste der Stern-träger extra ausgehängt werden. Man tat gut daran, sich bei dieser Tätigkeit nicht beobachten zu lassen, denn so ein Mercedes-Utensil war von so manchen Leuten heiß begehrt.

Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was aus dem kleinen Vehikel geworden ist; sein Abtritt muss wohl wenig spektakulär gewesen sein.