Baked Potatoes

Das muss man sacken lassen. Baked Potatoes.

Wie komm ich darauf?

Hab ich mir gekauft. - Baked Potatoes!

Das sind zwei Kartoffeln - gekocht! - eingeschweißt! – Zwei Platiktüten mit Quark dabei. Von einer Firma aus Essen! Und ich dachte immer, Essen ist in Deutschland. Aber ich dachte ja auch, ich sei in Deutschland.

Ich schau um mich - bin ich auch.

Aber warum steht da denn Baked Potatoes drauf?

Heißen die Dinger nicht schon seit dem 18. Jahrhundert Kartoffel bei uns? Und werden sie seit dem nicht auch manchmal gebacken?

Jetzt nicht mehr, jetzt werden sie baked - aber auf Deutsch. Und nicht die Kartoffeln, sondern Potatoes - auch auf Deutsch.

Die ganze Betriebsanleitung auf der Packung ist jedenfalls auf Deutsch. Warum eigentlich?

Könnte ja auch auf Englisch sein. Aber dann weiß ja keiner mehr, was man damit machen soll. Wie man sie anrichtet.

Na gut, Sprachen entwickeln sich. Müssen sie auch. Das war schon immer so. Wenn die Nötigungen es erforderlich machten oder die Erfordernisse es nötig machten.

Im Ernst: Sprache muss sich anpassen an neue Gegebenheiten. Wenn was Neues erfunden wird zum Beispiel.

Wenn einer von der Gattung der Homo bekloptus ein neues Wort für ein Überallmithinnehmen-kanntelefon erfinden soll, kann er natürlich nicht so lange Wortschöpfungen wie vorgenannte bei seinem kreativen Erfindungsdrang mit einbeziehen. Er will ja auch modern sein. Und was modern ist, muss englisch sein - oder sich zumindest so anhören.

Da hat er vielleicht gedacht, in Amerika heißen solche Dinger Handy oder in England. So heißen sie da aber nicht. Und warum eigentlich Handy? Weil man sie in der Hand halten kann beim Telefonieren? Das konnte man mit den alten Telefonen auch machen oder haben wir sie damals alle mit der Schubkarre durch die Gegend gefahren? Ich nicht!

Baked Potatoes. Ich kann mich gar nicht beruhigen. Haben wir sonst keine Probleme. Im vorhin beschriebenen Beispiel sehen wir, wie schwierig es ohnehin ist, neue Worte für Dinge zu erfinden, die es früher nicht gab.

Neue Worte zu erfinden, ist nicht schwer. Aber solche, die das Ding auch sinnvoll bezeichnen. Genauso gut hätte man das Handy auch "Blabla" nennen können oder "NKG". Wir kürzen doch heute sowieso alles ab, was mehr als neun Buchstaben hat. NKG - siehste, hört sich auch noch gut an. Wichtig jedenfalls.

NKG = Notkommunikationsgerät. Das Wort ist doch viel zu lang.

Aber wieso Notkommunikationsgerät?

Ich kann damit nicht telefonieren. Zur Not schon. Kommunizieren kann man damit ja auch über weite Strecken - manchmal sogar ohne Funkloch.

Da - schon wieder ein neues Wort. Hört sich sogar deutsch an. Funkloch. Noch ein Loch. Als wenn wir nicht schon genug Löcher haben. Löcher in den Straßen, Löcher in den Zähnen, Löcher in den Socken, Haushaltslöcher. Überall Löcher, ganz durchsiebt sind wir schon. Und keiner, der sie stopft.

Neulich saß ich im Zug, also in der Regionalbahn, Nord-Ostsee Bahn oder wie die heißt. Jedenfalls kommt das nicht so oft vor. Nicht, weil ich nicht so gern reise, sondern weil die nicht so oft fahren. Anscheinend reisen die Lokführer nicht so gerne. Streiken nennen die das dann.

Ok, wenn man streiken muss.

Die wollen mehr Geld haben; soviel wie die anderen Lokführer, die bei der richtigen Bahn arbeiten. Steht ihnen auch zu.

Aber jeder kriegt eben nicht immer, was ihm zusteht. Man stelle sich vor, alle Busfahrer würden streiken, weil sie genauso viel verdienen wollen, wie die Piloten.

Der Vergleich hinkt vielleicht ein bisschen, aber nicht viel. Gerade soviel, dass es kaum auffällt. Zugegeben, der Pilot muss ein klein wenig mehr und länger lernen. Aber am Ende machen beide das gleiche. Der Pilot ist bei seiner Arbeit nur weiter oben, und kommt weiter rum.

Aber ehrlich, ich will einmal einen Piloten sehen, der nur einen Tag einen Linienbus durch eine Großstadt chauffiert. Wenn er es schafft, ist er abends mit den Nerven am Ende.

Da ist nix mit Autopilot. Losfahren, auf den Knopf drücken und zurücklehnen. Nix.

Da musst du den ganzen Tag am Lenkrad kurbeln, wachsam sein und Rücksicht nehmen.

Mein Vater hat früher Mehlsäcke und Kohlensäcke und was weiß ich für Säcke durch die Gegend gefahren. Irgendwann ging das nicht mehr, wegen des Rückens. Da wurde er Busfahrer. Jetzt steigen die Säcke von allein ein und aus, hat er dann gesagt.

Hat jemand, der 200 Personen durch die Luft transportiert, mehr Verantwortung, als jemand der 90 Personen durch die Stadt oder über Land in einem Omnibus sicher ans Ziel bringt? Jedenfalls hab ich noch niemanden klatschen hören, wenn der Busfahrer seinen Job gemacht hat.

Als ich im Zug saß klingelte mein NKG. Der Kunde, für den ich gerade arbeitete, rief an. Gerade ging es ums Eingemachte, da war ich im Loch - oder er. Das ist oft so.

Oder man versteht nur die Hälfte, weil die Sätze oder auch nur einige Worte abgehackt sind. Man kann sich einfach nicht drauf verlassen, dass man sich mit dem NKG verständigen kann.

Na gut, Sicherheit gibt´s auch im Festnetz nicht.

Da kann es schon mal passieren, dass der Netzbetreiber oder die Telefongesellschaft einem die Rufnummer ändert. Man braucht sich aber nicht sogleich darüber zu ärgern, weil man von so einem völlig nebensächlichen Vorfall selbstverständlich nicht informiert wird. Wozu auch, man kann ja weiterhin telefonieren.

Allerdings muss man schon den Kontakt mit den anderen Menschen selbst herstellen, denn die können einen ja nicht mehr erreichen.

"Diese Nummer ist zurzeit nicht vergeben" hört man, wenn man mich dann anrufen will.

Die Telefongesellschaft meint allerdings, das sei kein Problem. Schließlich könnten die Leute mich ja auf der anderen Nummer erreichen. Recht haben sie ja.

Immerhin könnte ich meinen Freundes- Bekannten- und Kundenkreis ändern. Meine Familie muss dann eben sehen, wie sie lang kommt. Ich würde es fortan nur noch mit Hellsehern zu tun haben. Die würden dann sofort wissen, dass ich eine andere Telefonnummer habe.

Der Telefongesellschaft macht es nichts aus, wenn meine Kunden mich zwecks Auftragsbestätigung oder -erteilung nicht erreichen können.

Irgendwann hab ich das dann aber zufällig bemerkt. Jemand hat mich auf meinem NKG angerufen. Was es aber auch für hartnäckige Kunden gibt. Er dachte ich sei pleite und könnte meine Telefonrechnung nicht mehr bezahlen. Ich versicherte ihm dann allerdings, dass ich sie nicht nur bezahlen, sondern in Zukunft auch mit bloßen Händen zerreißen kann.

Jedenfalls war ich so sauer, dass ich auch ganze Telefonbücher hätte mit den bloßen Händen zerreißen können.

Was sollten mich da die englischsprachlichen gebaked deutschen Kartatoes aufregen. Wenn es was Neues gibt, muss man dafür auch eine Bezeichnung haben, irgendwie muss man das ja nennen. Wenn es aber Dinge oder Tätigkeiten schon von alters her gibt und sie auch eine deutsche Bezeichnung haben, warum kann man diese dann nicht auch verwenden? Weil es unmo-dern ist? Um ein Haar wäre Deutsch die Weltsprache geworden. So schlecht kann die Sprache also nicht sein.